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Eine Insel im Rhein
Begehrt: Spargel aus Niederwerth
Mit vier Kilometern Länge ist sie der größte Felsgrat, der durch die Ausfurchungsarbeiten des Rheins hervorgetreten ist. Klosterfrauen ließen sich 1275 hier nieder. Aus diesem Jahr stammt die erste Urkunde, in der Niederwerth erwähnt ist. Doch von Gräberfunden weiß man, dass bereits im 8. Jahrhundert eine fränkische Siedlung auf der Insel war. Und Niederwerth muß auch der Flecken zwischen Koblenz und Andernach im Rhein gewesen sein, wo sich im Sommer 859 die Söhne Ludwigs des Frommen, Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle, mit ihrem Neffen Lothar II. zu geheimen Besprechungen trafen. Heute ist Niederwerth die einzige Binneninsel der Bundesrepublik mit einer Dorfgemeinde. Von dem benachbarten Vallendar auf dem Festland ist Niederwerth gut 180 Meter getrennt. Das Hindernis dazwischen heißt Wasser.
Ans Wasser führte die Niederwerther früher ihr erster Weg am Morgen: schauen, ob der Pegel steigt oder ob es über Nacht gefroren hat. „Nur wer keinen Nachen hat und keine Kuh, kann schlafen in süßer Ruh, hieß es im Volksmund. Aber fast jeder hatte eine Kuh. Denn die Niederwerther lebten nahezu ausschließlich von Landwirtschaft und Gartenbau. Noch heute gibt es unter den 1200 Bewohnern der Inselgemeine 30 Vollerwerbs- und 60 Nebenerwerbslandwirte. Der Niederwerther Spargel ist begehrt.
Hochwasser hinderte die Ackerbauer oft, ihre Felder in der Vallendarer Gemarkung auf dem Festland zu erreichen. Noch nicht der Vergangenheit gehören die Zeiten an, in denen die Fluten die Insel zu fünf Sechsteln überschwemmen und das Wasser bis zu zweieinhalb Meter in den Häusern an der Rheinfront steht.
Nur Eisgang hat man nach 1956 nicht mehr erlebt. Bis dahin allerdings sind die Kinder der Insel mit dem Eis groß geworden. War es im Frühjahr ihr Vergnügen, bei Hochwasser in Futterbütten spazierenzufahren, so schlitterten sie im Winter mit Freuden über die zugefrorenen Rheintümpel. 1926 war der Rhein wochenlang zugefroren. Aufgabe des Bürgermeisters war es, einen Mutigen aus der Gemeinde vorzuschicken, der die Tragfähigkeit des an der Oberfläche erstarrten Stromes prüfte. Der Mann warf einen Stein vor sich her, und am Klang oder am Riß im Eis erkannte er, ob es stark genug war. Gefährlicher entwickelte sich das Treibeis. Altbürgermeister Schemmer erinnert sich, dass er einmal acht Stunden lang auf der Fähre verbracht hat, bis die Männer, bei dem plötzlich aufgekommenen Treibeis die 180 Meter vom Festland bis zum Inselufer endlich überwinden konnten. Ertrunken ist bei solchen Manövern seit Menschengedenken niemand. Nur, ins Wasser gefallen ist wohl jeder ältere Niederwerther nicht nur einmal im Laufe seines Insulaner-Daseins.
Die Gemeinde Niederwerth war die letzte im Kreisgebiet, die an die zentrale Wasserversorgung angeschlossen wurde. Bis 1954 noch mussten sich viele Familien ihr Wasser an einem Gemeinschaftsbrunnen im Dorf holen. Komfortabel hatte es der Bauer, der sich an der eigenen Handpumpe im Hof waschen konnte. Naturereignisse vermochten es, dass die Auspendler zu spät oder gar nicht zur Arbeit kamen. Schwangere Frauen mussten mit dem Hubschrauber in die Klinik geholt werden.
Spätestens mit der allgemeinen Motorisierung wurde eine Brücke zum Festland zur Existenzfrage für Niederwerth – sonst wäre das Dorf langsam ausgestorben. Denn niemand würde heutzutage im Anschluß an eine Zechtour durch Koblenz nach Hause auf die Insel schwimmen, so wie es die jungen Burschen früher taten, wenn andere aus der Dorfjugend nachts ihren Nachen losgebunden und bereits einige Stunden zuvor als willkommenes Transportmittel benutzt hatten.
1956 wurde die lang ersehnte Brücke endlich gebaut – als Wirtschaftsweg und hauptsächlich aus Mitteln des Grünen Planes. Diese Brücke erst machte die Insel für die Gegenwart attraktiv. Die Bevölkerungszahl wuchs von 900 im Jahre 1948 auf derzeit etwa 1200 Insulaner. Mit der Brücke haben sich die Inselbewohner einen Weg aus der Abgeschiedenheit gebaut. Für sie bedeutet die 184 Meter lange Straße über das Wasser mehr alsirgendwo sonst ein Stück Chancengleichheit, ein Stück Freiheit sogar.
Barbara Harnischfeger
Quelle: MERIAN Koblenz, Februar 1978
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